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Bernd - Operation Germanenkind

92 minDrama, Komödie, FantasyFSK 16
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Bernd arbeitet als Schauspieler mit Behinderung in einem linken Berliner Künstlerkollektiv. Mit ihrem neuen Stück reisen sie nach Peenemünde, das vor allem für die Raketenentwicklung in der einst dort stationierten Heeresversuchsanstalt bekannt ist. Bernd, der zunehmend vom Dritten Reich fasziniert ist, demonstriert seine rechten Tendenzen: laut, sexistisch, rassistisch, respektlos – ein Affront gegen jede moralische Gewissheit der Gruppe. Mit jeder seiner Provokationen zerbricht zunehmend mehr von ihrer Toleranz. Aus Haltung wird Hass, aus Humanismus Gewalt. Am Ende prügeln jene, die sich für die besseren Menschen halten, wie Barbaren auf ihn ein – und aus Demokraten werden exzentrische Wutbürger.
„Eskalation als bitterböse Komödie: Zwischen Proben, Gruppengesprächen und ritualisiertem ,Wir sind doch tolerant' verschieben sich die Grenzen. Formal roh, kompromisslos und im Geist Christoph Schlingensiefs zeigt der Film die Mechanismen einer Gesellschaft auf, die an ihren eigenen moralischen Ansprüchen scheitert. Aus Offenheit wird Fassade, aus Widerspruch Spaltung. Ein Film, der Diskussion nicht illustriert, sondern auslöst – genau dort, wo es wehtut.“ - Lichter Filmfest Frankfurt International 2026

Das nennt man wohl Autorenhandschrift. Zwei Filme hat Cornelius Schwalm bislang inszeniert, die beide davon handeln, dass ein Trupp Theaterleute auf der Suche nach Inspiration einen Erinnerungsort aufsucht, der mit dem Dritten Reich zu tun hat. In „Hotel Auschwitz“ ging es zum bekanntesten und ikonischsten dieser Erinnerungsorte. Im zweiten Film „Bernd - Operation Germanenkind“ ist es das Historisch-Technische Museum Peenemünde auf Usedom, wo in der Nazizeit an Raketentechnik geforscht wurde.

„Bernd - Operation Germanenkind“ basiert auf dem ebenfalls von Schwalm inszenierten Bühnenstück „Mongoflipper“ aus dem Jahr 2014. Theaterstück wie Film verbinden zwei Aufregerthemen der erweiterten Gegenwart: Achtsamkeits- und Inklusionsdiskurse auf der einen Seite, den Aufstieg des Rechtsextremismus auf der anderen. Es steht zu vermuten, dass Stück wie Film sich als Kommentar zur als „ritualisiert“ gescholtenen deutschen Erinnerungskultur verstanden sehen möchten.

Ein verhaltensauffälliger junger Mann

Der Film basiert auf einem realen Theaterstück, erzählt aber von der Produktion eines fiktiven Werkes. Das trägt den Titel „Pascals Reise ins Glück“. Vom Inhalt ist nicht allzu viel zu erfahren; in einer Szene tauchen als Menschen verkleidete Tiere auf. Hauptattraktion ist der Hauptdarsteller Bernd. Ein verhaltensauffälliger junger Mann, der, das erklären sich die anderen Beteiligten an „Pascals Reise im Glück“ andauernd gegenseitig, normalerweise nicht auf deutschen Bühnen zu sehen ist. Sie glauben außerdem, dass ihr Stück schon deshalb politisch sei, weil Bernd auf der Bühne stehe. Man könnte diesen Gedanken allerdings auch umdrehen: Wenn man einen wie Bernd auf die Bühne stellt, dann müsste man sich um politische Relevanz – eine wichtige Währung im Kulturbetrieb – ansonsten keine Sorgen machen.

Gespielt wird Bernd von der Schauspielerin Verena Unbehaun, mit aufgemaltem Schnurrbart. Unbehaun schreit, fuchtelt, wimmert. Ihre exaltierte, jedem psychologischen oder auch nur alltagsweltlichen Realismus abholde Darstellung steht, sicherlich mit voller Absicht, in harschem Kontrast zur Zeichnung der übrigen Figuren. Bühnenregisseur Georg (Matthias Rheinheimer), Nachwuchsschauspielerin Tanja (Sasha Weis), Bühnenprofi Alexander (Michael Benthin) und die anderen sind zwar allesamt Karikaturen, aber deutlich auf Wiedererkennbarkeit angelegt. Gleiches gilt für den Jargon der Achtsamkeit, der erwartbarerweise an seine Grenzen stößt, wenn Bernd diese fröhlich überschreitet, dafür allerdings nicht harsch zurechtgewiesen werden darf. Weil einer wie er nun mal so ist, wie er ist. Wobei: Ist es nicht bereits ableistisch, „einer wie er“ zu sagen?

Bernd fängt sich einen Nazi-Virus ein

Man kann sich vorstellen, wie das weitergeht. Allerdings will es Schwalm nicht bei der Kulturbetriebs-Persiflage belassen. Bernd verweigert sich nicht nur der sozialen Anpassung; er fängt sich darüber hinaus während einer Filmvorführung im Historisch-Technischen Museum Peenemünde einen Nazi-Virus ein. Damit gleitet er in eine bizarre Parallelwelt ab, deren Realitätsgehalt der Film im Unklaren lässt und in der unter anderem ein schwarzer Nazi sowie ein von fern an Ari Asters „Midsommar“ erinnernder nordischer Kult eine Rolle spielen. Bald krakeelt Bernd fröhlich über den Aufstand der unterdrückten Germanen, den kommenden Endsieg und seinen Freund Adolf; außerdem unternimmt er in SS-Uniform einen Ausflug auf den Dorfplatz.

Das alles ist in der Theorie nicht ungeschickt, zumindest eingangs sogar ziemlich originell konstruiert – als filmisches Gesamterlebnis aber eine Vollkatastrophe. Schwalms Vorbilder sind Kulturbetriebs-Provokateure wie Christoph Schlingensief oder Peter Kern, die jenseits aller Geschmacksgrenzen gesellschaftliche Selbstverständnisse in Frage stellten. Wie Schlingensief und Kern nutzt auch Schwalm zu diesem Zweck die Form der No-Budget-Groteske, die allerdings von Anfang an durch den selbstreflexiven Meta-Regietheater-Überbau ausgebremst wird.

Provokationen ohne Resonanzraum

Die Geplänkel im Theaterteam, zu dem auch noch eine Bettgeschichte zwischen Georg und Tanja hinzukommt, verlaufen allesamt entlang geläufiger Bahnen; wieder und wieder wird einem die keineswegs bahnbrechende Erkenntnis unter die Nase gerieben, dass der Theaterbetrieb ein Jahrmarkt der Eitelkeiten ist. Die Szenen mit Bernd sind insbesondere aufgrund Unbehauns vollem Körpereinsatz deutlich interessanter und schlagen in Richtung Performancekunst aus. Da der Film Bernds Provokationen aber keinen angemessenen Resonanzraum zur Verfügung stellen kann, verkommen sie bald zur bloßen Nummernrevue. Wenn schließlich zum Schlingensief-Gedächtnisfinale die Kettensäge gezückt wird, dürften nur noch die allerhärtesten Regietheater-Nostalgiker bei der Stange sein.

Veröffentlicht auf filmdienst.deBernd - Operation GermanenkindVon: Lukas Foerster (9.9.2026)
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